NRZ, 31. Juli 2009

Düsseldorfs erfolgreichste Frauenmannschaft: die legendären ‚Puten’ Vera Schäferkordt, Uschi Auhagen, Birgit Klomp und Christel Schürmann (von links), die in den 50er Jahren eine sagenhafte Erfolgsserie hinlegten.

Von Puten und Schlitzohren
Der Düsseldorfer Schwimmclub hat 111 Jahre Erfolg im Wasser. Jetzt gibt es seine Geschichte als Buch

Von Dieter Schneider

„Wer im Jahre 1898 in Düsseldorf schwimmen will, hat die Wahl zwischen zwei Freibädern und einem Hallenbad. Entweder besucht er die am Rheinufer gelegenen Badeanstalten des Militärs und der Gebrüder Ambach oder das 1898 eingeweihte Hallenbad an der Grünstraße, das erste in Düsseldorf überhaupt.“
So beginnt das Buch, das Düsseldorfs größter Schwimmverein, der DSC 1898, soeben herausgegeben hat. Das Jubiläum ist rheinischer Natur - 111 Jahre -, das 120 Seiten umfassende Werk gleichwohl ein Stück Gesellschafts- und Sozialgeschichte. Zur Präsentation kürzlich in der Messe fanden sich denn auch alle vier Bürgermeister ein, die aktuellen Nachwuchstalente im Schwimmen und Wasserball und vor allem einige der legendären Sportlerinnen und Sportler, die Düsseldorf schon vor einem halben Jahrhundert unauslöschlich in die Annalen eingetragen haben.
„Da kommen die Puten!“ hat ein Journalist 1953 wenig schmeichelhaft gerufen. Doch der Spitzname wurde zum Markenzeichen. Neunmal in Folge wurde das Quartett der jungen Schwimmasse deutscher Mannschaftsmeister, insgesamt eroberten sie 83 Meistertitel und 110 deutsche Rekorde.




Mit dem Buch auf Autogrammjagd: Bürgermeisterin Gudrun Hock, selbst passionierte Schwimmerin, mit drei ‚Puten’: Uschi Auhagen (links), Christel Schürmann und Birgit Osselmann-Klomp (rechts).

„Rüpel“ ist ein Ehrenwort
Die erfolgreichste ‚Pute’ ist Birgit Klomp mit 33 Meistertiteln und 41 deutschen Rekorden. Als 16-Jährige nimmt sie an den Olympischen Spielen in Melbourne teil. Dort trifft sie den Wasserball-Star Friedel Osselmann, ihren späteren Mann. Beim Jubiläum feierte das Ehepaar mit.
Zur Erfolgsstory der Düsseldorfer Puten gesellen sich zahlreiche andere Anekdoten. Manche leben heute noch aus der Sicht der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus, sie fußen auf Hunger und 100-Gramm-Essensmarken, die damals die Anmeldegebühr für einen Wettbewerb in Düsseldorf waren. Harald Sültenfuß, damals Wasserball-Torwart, erzählt, was man sich alles auf dem Schwarzmarkt besorgen musste: „Wir waren alle Schlitzohren, aber nur so konnten wir uns durchsetzen.“
Auch die Bezeichnung „Rüpel“ ist Ehrensache, etwa für die Unterwasserkämpfer vom Schlage Aengevelt senior. Ein Sportler mit Biss ist auch Bubi Böck, der in den 50er Jahren das Langstreckenschwimmen durch den Bosporus gewann.
Das Buch erzählt in Wort und Bild vom Stromschwimmen im Rhein und von karnevalistischen Episoden ebenso wie von der Nazi-Zeit, als die Vereinsvorsitzenden zu Clubführern wurden, die von der NSDAP bestätigt werden mussten und „nichtarische Mitglieder“ ausschlossen. Zuvor, in der Weltwirtschaftskrise, hatte die Inflation den Schwimmbadeintritt auf 300 Milliarden Mark hochgejagt.

Junge Sportler aus neun Nationen
Buchautor Prof. Dr. Volker Ackermann hat diese Dokumente der Stadtgeschichte Punkt für Punkt gewürdigt. 1967 war der DSC Deutschlands erfolgreichster Club. Fortgesetzte Fusionen sorgten dafür, dass die Erfolgsleiter nie lange in der Ecke stehen blieb. 1970 erklärten die Schwimmer bereits Opas Turnverein für tot und heuerten einen professionellen Trainer an.
Ein legendärer Muskelprotz war Dr. Tamas Farago, als Wasserballer mit allen Medaillen gekrönt. Bis zu einem Muskelabriss Ende der 80er Jahre sorgte der Ausnahmeathlet für die große Show in Düsseldorf. Heute setzt sich die junge Wasserballtruppe aus neun Nationen zusammen.
Otto Lindner, über viele Jahre der Macher und Visionär des Leistungsschwimmsports, heute 80 Jahre alt, hat den DSC geprägt. Seine Söhne und Enkel setzten sein Lebenswerk fort, ehrgeizig, engagiert, kämpferisch. Der Mäzen Hartmut Haubrich, Herausgeber des Jubiläumsbuches, bilanziert: „Eine bessere und preiswertere Integrationsarbeit kann keine Stadt leisten.“


Helden des Schwimmsports: Mark Spitz, Otto Lindner, Peter Nocke und Trainer Arno Klossow (im Hintergrund).


Stützen des Vereins: Hartmut Haubrich, Herausgeber des Jubiläumsbuches (links) und der heutige DSC-Vorsitzende Dirk Lindner


Junge Talente bescheren dem Düsseldorfer Schwimmclub eine  beständige Sportkarriere. Unter den Aktiven aus neun Nationen sind (von links) Andrij Kraystal, Luca Cekovic, Sebastian Berthold und Dirk van Kaathoven.


Tamas Farago, Weltmeister und Olympiasieger.

Fotos Reproduktionen: Sergej Lepke

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